könig radbod träumte bereits von walhall – ein jahrhundert vor den wikingern

großangelegte niederländisch-deutsche forschung zu könig radbod bringt älteste erwähnung des mythischen walhalla ans licht

06 augustus 2026

Neue Forschungen zu König Radbod, die im Rahmen des groß angelegten Ausstellungsprojekts RADBOD durchgeführt wurden, führen zu einer bemerkenswerten Entdeckung: Ein Lied aus dem 8. Jahrhundert erzählt, wie der friesische König von Walhall träumte, dem mythischen Jenseits, das bislang vor allem mit den Wikingern in Verbindung gebracht wurde und dessen älteste bekannte Erwähnung aus dem 9. Jahrhundert stammt. Radbods Traum ist damit möglicherweise der früheste bekannte Hinweis auf Walhall, etwa hundert Jahre früher als bisher angenommen.
Die wissenschaftliche Untermauerung dieser Entdeckung folgt im Kapitel „Sacral Kingship: A Song of Redbad and Woden“ von Han Nijdam, Ewoud van Aalst, Petter Jensen, Arjan Sterken und Hilbert Vinkenoog, das im Februar 2027 im wissenschaftlichen Sammelband zum RADBOD-Projekt erscheinen wird.

Radbod lehnt die Taufe ab, 1700–24, O. Elliger, M. Pool, Stich, Sammlung Fries Museum, Leeuwarden
Radbod lehnt die Taufe ab, 1700–24, O. Elliger, M. Pool, Stich, Sammlung Fries Museum, Leeuwarden

een traum von woden
Der Forscher Han Nijdam von der Fryske Akademy stieß bei seinen Untersuchungen auf ein Lied, verborgen in einem jahrhundertealten Text über Radbod, das nach Überzeugung der Forschenden den König selbst zu Wort kommen lässt. Es erzählt, wie der alte und kranke König zweifelte, ob er sich taufen lassen sollte, in einer Zeit, als das Christentum in Frisia gegenüber dem vorchristlichen Glauben zunehmend an Einfluss gewann. In seinem Traum erscheint ihm sein Gott Woden, der ihn auffordert, seinen Glauben nicht aufzugeben, und ihm dafür ein prachtvolles Jenseits verspricht. Die Forschenden vermuten, dass das Lied aus Ostfriesland stammt, das damals noch nicht von den Franken erobert worden war. Radbod entschied sich schließlich gegen die Taufe.

die legende – aber aus der anderen perspektive
Die Entdeckung wirft zugleich neues Licht auf die bekannteste Geschichte über Radbod: die Legende, in der der König seinen Fuß aus dem Taufbecken zurückzieht, überliefert in der Vita Wulframni, der christlich geprägten Lebensbeschreibung des heiligen Wulfram. Das Kapitel über die gescheiterte Taufe und das Kapitel über Radbods Traum folgen in diesem Text unmittelbar aufeinander, doch in dieser Reihenfolge wirkt die Erzählung nicht schlüssig. Han Nijdam erklärt:

„Wenn wir die beiden Episoden als die christliche Fassung eines ursprünglichen Liedes über Radbod und Woden verstehen, das in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts im noch nicht christianisierten Teil Frisias verbreitet war, dann fügt sich alles zusammen. In der ursprünglichen Erzählung stand zuerst der Traum und erst danach die gescheiterte Taufe. Radbod wusste bereits, was Woden ihm für das Leben nach dem Tod in Aussicht gestellt hatte, und konnte deshalb seinen Fuß voller Zuversicht aus dem Taufbecken zurückziehen.“

bestätigung durch skandinavische quellen
Die Forschenden Hilbert Vinkenoog und Petter Jensen verglichen die rekonstruierte Erzählung mit altnordischen Dichtungen, in denen Träume, Odin und Walhall ebenfalls eine Rolle spielen. Dieser Vergleich stärkt die Annahme, dass die friesische Geschichte über Radbod und Woden Teil einer größeren, gemeinsamen nordischen Tradition von Sterbebettvisionen ist.

ein mächtigeres friesisches königtum als bisher angenommen
Neben der Entdeckung rund um Walhall zeichnet die Untersuchung ein differenzierteres Bild des friesischen Königtums. Während Radbod bislang meist aus einer christlich-fränkischen Perspektive untersucht wurde, erfolgte diese Studie erstmals aus vergleichend-germanischer Sicht unter Einbeziehung von Quellen aus unter anderem Skandinavien. Daraus ergibt sich, dass Radbod als sakraler König auftrat, der Rituale leitete und Opfer darbrachte. Zugleich zeigt sich, dass das friesische Reich, das sich auf seinem Höhepunkt von der belgischen Küste bis nach Dänemark und bis in das Flussgebiet um Utrecht erstreckte, aus einem Netzwerk regionaler Herrscher bestand, die Radbod als Oberkönig anerkannten. Gemeinsam bildeten sie eine Macht, mit der auch die Franken rechnen mussten.

jetzt zu sehen, bald nachzulesen
Diese Erkenntnisse bilden eine Grundlage der Ausstellung Radbod: der legendäre König, die ab dem 5. September 2026 König Radbod als Oberkönig Frisias präsentiert – einschließlich einer Walhall-Szene, die im letzten Ausstellungsraum im Mittelpunkt steht. Die wissenschaftliche Grundlage der Entdeckung erscheint im Kapitel „Sacral Kingship: A Song of Radbod and Woden“ von Nijdam, Van Aalst, Jensen, Sterken und Vinkenoog, das im Februar 2027 im wissenschaftlichen Sammelband des RADBOD-Projekts veröffentlicht wird. Besucherinnen und Besucher müssen jedoch nicht bis zur wissenschaftlichen Publikation warten: Die Entdeckung kann bereits in diesem Herbst in der Ausstellung selbst erlebt werden.

teil eines großen europäischen forschungsprojekts
Das RADBOD-Projekt ist eine deutsch-niederländische Zusammenarbeit von Archäologen, Historikern, Museen und Bildungseinrichtungen und wird unter anderem durch das Interreg-VI-Programm Deutschland–Niederlande ermöglicht. Neben der Ausstellung und dem wissenschaftlichen Sammelband umfasst das Projekt ein populärwissenschaftliches Buch, ein Bildungsprogramm sowie das historische Rollenspiel Mythwatch: The Age of Radbad. Die Forschenden weisen darauf hin, dass neue Erkenntnisse über die früheste Geschichte Frieslands vergleichsweise spät ans Licht kommen, da aus dieser Epoche nur wenige schriftliche Quellen erhalten geblieben sind – ein Forschungsdefizit, das das Projekt nun gezielt aufarbeitet.

„Radbod: der legendäre König“ ist vom 5. September 2026 bis einschließlich 7. Februar 2027 im Fries Museum zu sehen und wird anschließend im Ostfriesischen Landesmuseum Emden gezeigt.

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